Waldemar der Weihnachtsbaum

Vor knapp drei Jahren in meinem alten blog:

Waldemar

Um es voraus zu schicken: ich hasse diese mit Läusen oder wahlweise mit Insektiziden behafteten, meistens aller Wurzeln beraubten, dennoch schief wie der Haussegen, nassen, harzklebrigen, nach Nichts riechenden Ungeheuer, die einem die teure Auslegeware ruinieren! Die Sippe sieht´s, schweigt in kollektiver Rührseligkeit und wirft alles drei Wochen später mit den Silvestervorsätzen raus aus dem Haus. Gott sei Dank hat man endlich wieder Platz!

Das alljährliche Weihnachtsdrama hatte drei Akte: 1. Wir müssen einen Baum kaufen! 2. Du musst den Baum aufstellen! 3. Der Baum sieht nach Nix aus! Dieser Albtraum endete vor zehn Jahren im Juni, der besten Zeit, um im Baumarkt mit Sommerrabatt einen
Weihnachtsbaum zu erstehen! Wie sagte der Verkäufer damals: „ Der hält ewich und da hamse wat fürs Lebn!“ Tränenflüsse, Ehekräche und Scheidungsandrohungen am Fest der Liebe sind seit dieser Zeit auch passé!

Da lob ich mir das unvergängliche Grün, diese kerzengerade wohnzimmertaugliche Gemütlichkeit, diese nicht nadelnde Unvergänglichkeit „Made in Taiwan“, die so ordentlich wie deutsch ist. Eine Sauerländer Fichte oder eine Schwarzwaldtanne sind gar nichts gegen so eine Schönheit: die transporttauglichen, bruchsicher wie biegsam angelegten Zweige ausklappen (die einhundert Kerzchen, im Vorjahr angebracht, leuchten alle noch in elektrischer Pracht), Kugeln, Sterne, Schleifen, Engelshaar und sonstiges Gedöns, auch in 1 a Qualität, hält ewig, daran hängen oder darauf werfen, mit Duftspray Marke „Weihnachtstannenwaldduft“ besprühen – fertig!!! Die Werbung hatte Recht: „Nie mehr Stress am Heiligen Abend! In weniger als zwanzig Minuten fängt für Sie Weihnachten an!“

Eigentlich könnte man, bei wechselnder Behängung und Beduftung, versteht sich, diesen Sauber-Zauber sogar stehen lassen! Und ein Buch schreiben: „Meine Tanne, mein Wohnzimmer und ich, 365 nicht pieksende immergrüne Sprüche für alle Gelegenheiten“ oder so ähnlich, frei von allen Wirkungen oder Wirklichkeiten, frei verkäuflich, sogar im Juni, wenn man die Weihnachtsbäume kauft…

Ich wollte ihn an meinen ersten Enkel vererben, da meine undankbare Brut ihn nicht mehr sehen kann – und sich alle standhaft weigern, das gut Stück nach meinem Ableben zu übernehmen!

Doch heute Morgen fand ich sieben seiner Kunstnadeln auf dem Teppich!

Mein Mann und ich haben beschlossen, dass unser Weihnachtsbaum bei uns bleiben darf. Man hängt doch an so einem Teil wie an einem Hund, auch wenn er jetzt kahl wird, nicht wahr?!

Wir haben ihn Waldemar getauft.

Angelika Scho

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© Angelika Scho, Meerstiege 1, 48356 Nordwalde

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